Autor Thema: Staatsverschuldung  (Gelesen 2467 mal)

TWMueller

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Staatsverschuldung
« am: 18.08.2011, 18:19 »
Betrachtet man die Staatsverschuldungen, so drängt sich der Eindruck auf, dass hier in praktisch allen Staaten über die Verhältnisse gelebt wurde.

Dieser Eindruck muss jedoch relativiert werden.
Zum Einen müssten die Staaten, ähnlich einem Wirtschaftsunternehmen, jährliche Bilanzen erstellen, in denen Mittel-Herkunft und Mittel-Verwendung einander gegenüber gestellt werden. Von einer Überschuldung könnte man dann erst in den Fällen sprechen, wenn ein deutliches Missverhältnis von Vermögenswerten und Schulden vorhanden ist.

Zum Anderen liegt das Problem jedoch auch grundsätzlich im Geld- / Währungs-SYSTEM. Man sollte nur ansatzweise einmal überlegen, wie die Situation wäre, wenn Staaten KEINE Schulden mehr machen würden. Wo bliebe das Kapital, das aktuell an Staatshaushalte verliehen wird? Bei Bürgern und Unternehmen gäbe es einen erheblichen Finanzüberschuss, der nicht sinnvoll angelegt / verwendet werden könnte. Hierdurch würden, wegen des Überangebots, natürlich die Zinsen sinken. Dies hat jedoch durchaus auch negative Auswirkungen auf den einzelnen Bürger, der z.B. Kapital als Altersvorsorge bilden will.

Die wirkliche Herausforderung an Wissenschaft und Politik besteht darin, die aufgelaufenen Schuldsummen irgendwann ohne Krieg und Volksaufstand zu vernichten / zu streichen.

Jeder weiss, dass Erdöl endlich ist, aber im täglichen Leben handeln die meisten so, als ginge sie dies nichts an. Wer die Augen aufmacht, muss ebenso erkennen, dass unser Finanzsystem mit Zins und Zinseszins und unbegrenztem Vererbungsrecht zunächst zu einer Kapitalverschiebung von unten nach oben führt und dann irgendwann an die Grenze seiner Funktionsfähigkeit führt. Die ersten Anzeichen werden zur Zeit als "Finanzkrise" sichtbar. Im Grunde hätte man zahlungsunfähige oder überschuldete Banken gnadenlos insolvent gehen lassen müssen. Aber die Auswirkungen wären ein Tsunami des Finanzsystems rund um den Globus gewesen. Man muss jedoch bedenken, dass alle Rettungsschirme und Haushaltsbeschlüsse letztendlich das Problem nur in die Zukunft verlagern. Wo sollen denn die zusätzlich erwirtschafteten Mittel herkommen, um irgendwann die Schulden abbezahlen zu können?

Im Prinzip wäre dies nur möglich, wenn die Reichen und Superreichen solange Arbeitskräfte mit Dienstleistungen beauftragen würden, bis ein Grossteil des angehäuften Kapitals in den volkswirtschaftlichen Kreislauf zurückgeflossen ist. Aber wer träumt wirklich davon, dass ein Kapitalfluss von oben nach unten ohne einschneidende Zwänge erfolgen wird? In früheren Zeiten wurde regelmäßig ein Krieg geführt, der Immobilien und sonstigen Besitz vernichtete. Durch den Wiederaufbau floss Geld wieder breit ins Volk. Wollen wir wirklich warten, bis ein unerwünschtes Ereignis zum Wiederaufbau zwingt?

Im Grunde müsste eine jährliche Lotterie unter den reichsten 10% der Bevölkerung durchgeführt werden, bei der zufällig 10, 20, 50 oder 80% des Vermögens enteignet wird. Wie sonst soll das im Geldspeicher gehortete Kapital wieder in die Volkswirtschaft zurückfliessen?
« Letzte Änderung: 18.08.2011, 20:24 von Datko »
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Datko

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Re: Staatsverschuldung
« Antwort #1 am: 18.08.2011, 19:25 »
Betrachtet man die Staatsverschuldungen, so drängt sich der Eindruck auf, dass hier in praktisch allen Staaten über die Verhältnisse gelebt wurde.

Dieser Eindruck muss jedoch relativiert werden.
Zum Einen müssten die Staaten, ähnlich einem Wirtschaftsunternehmen, jährliche Bilanzen erstellen, in denen Mittel-Herkunft und Mittel-Verwendung einander gegenüber gestellt werden. Von einer Überschuldung könnte man dann erst in den Fällen sprechen, wenn ein deutliches Missverhältnis von Vermögenswerten und Schulden vorhanden ist.
Zum einen können die Staaten einiges gar nicht finanziell verwerten, wer würde z.B. alte Panzer kaufen oder Schulen. Dort wo versucht wird die Infrastruktur zu verkaufen, wie z.B. bei Wasserwerken gibt es massive Schwierigkeiten. Wenn der Staat sich auf die wesentlichen Dinge konzentrieren würde, wäre der Finanzbedarf wesentlich geringer. Egal wie hoch die Einnahmen sind, der demokratische Politiker gibt noch mehr aus.


Zum Anderen liegt das Problem jedoch auch grundsätzlich im Geld- / Währungs-SYSTEM. Man sollte nur ansatzweise einmal überlegen, wie die Situation wäre, wenn Staaten KEINE Schulden mehr machen würden. Wo bliebe das Kapital, das aktuell an Staatshaushalte verliehen wird? Bei Bürgern und Unternehmen gäbe es einen erheblichen Finanzüberschuss, der nicht sinnvoll angelegt / verwendet werden könnte. Hierdurch würden, wegen des Überangebots, natürlich die Zinsen sinken. Dies hat jedoch durchaus auch negative Auswirkungen auf den einzelnen Bürger, der z.B. Kapital als Altersvorsorge bilden will.
Die Zinsen dürfen ruhig sinken, das wäre Marktwirtschaft, damit könnten die Kapitalanleger sicherlich leben.

Die wirkliche Herausforderung an Wissenschaft und Politik besteht darin, die aufgelaufenen Schuldsummen irgendwann ohne Krieg und Volksaufstand zu vernichten / zu streichen.
Damit wäre der Anleger der Dumme und derjenige der auf Kosten anderer lebt der Schlaue. Die Konsequenz wäre Misstrauen in den Geldwert, wie z.B. in der Weimarer Republik. Es wäre kein nachhaltiges Wirtschaften im Sinne einer funktionierenden Volkswirtschaft  möglich.
Im Extremfall würden Händler keine Waren gegen Papier-Geld geben und die Menschen würden nicht mehr für Papier-Geld arbeiten. Die Versorgung der Bevölkerung würde zusammenbrechen.

Nehmen wir folgenden fiktiven Fall aus einem Seniorenheim. Eine Person hat gespart und muss vom Ersparten die Kosten tragen, eine andere Person hat nicht gespart und bekommt die selben Leistungen aus Steuergeldern gezahlt. Da ist derjenige, der gespart hat, der Dumme.

Jeder weiss, dass Erdöl endlich ist, aber im täglichen Leben handeln die meisten so, als ginge sie dies nichts an. Wer die Augen aufmacht, muss ebenso erkennen, dass unser Finanzsystem mit Zins und Zinseszins und unbegrenztem Vererbungsrecht zunächst zu einer Kapitalverschiebung von unten nach oben führt und dann irgendwann an die Grenze seiner Funktionsfähigkeit führt. Die ersten Anzeichen werden zur Zeit als "Finanzkrise" sichtbar. Im Grunde hätte man zahlungsunfähige oder überschuldete Banken gnadenlos insolvent gehen lassen müssen. Aber die Auswirkungen wären ein Tsunami des Finanzsystems rund um den Globus gewesen. Man muss jedoch bedenken, dass alle Rettungsschirme und Haushaltsbeschlüsse letztendlich das Problem nur in die Zukunft verlagern. Wo sollen denn die zusätzlich erwirtschafteten Mittel herkommen, um irgendwann die Schulden abbezahlen zu können?
wird. Wie sonst soll das im Geldspeicher gehortete Kapital wieder in die Volkswirtschaft zurückfliessen?
Es gibt kein "unbegrenztes Vererbungsrecht", die Erbschaftssteuer ist massiv. Viele Wohlhabende sind ohne leibliche Erben, die werden im Todesfall nicht nur persönlich enteignet, sie können das Vermögen nicht einmal an Nachkommen weiter geben. Es gibt wohl kein in Geldspeichern gehortetes Kapital, Geld ist sehr beweglich.

Siehe: http://de.wikipedia.org/wiki/Erbschaftsteuer_in_Deutschland
Steuertarif für Erbfälle und Schenkungen
Seit dem 1. Januar 2010
Die Erbschaftssteuer

Erbschafts- und Schenkungssteueraufkommen:
Siehe: http://www.faz.net/m/5525ff1d-6257-456d-a013-7bee2b9aea31file1_4.jpg

Dazu erbt der Staat auch noch, wenn es keinen anderen Erben gibt.

 

Im Prinzip wäre dies nur möglich, wenn die Reichen und Superreichen solange Arbeitskräfte mit Dienstleistungen beauftragen würden, bis ein Grossteil des angehäuften Kapitals in den volkswirtschaftlichen Kreislauf zurückgeflossen ist. Aber wer träumt wirklich davon, dass ein Kapitalfluss von oben nach unten ohne einschneidende Zwänge erfolgen wird? In früheren Zeiten wurde regelmäßig ein Krieg geführt, der Immobilien und sonstigen Besitz vernichtete. Durch den Wiederaufbau floss Geld wieder breit ins Volk. Wollen wir wirklich warten, bis ein unerwünschtes Ereignis zum Wiederaufbau zwingt?
Es ist meiner Ansicht nach schade, dass viele Menschen arbeiten, die es finanziell nicht nötig haben.

Im Grunde müsste eine jährliche Lotterie unter den reichsten 10% der Bevölkerung durchgeführt werden, bei der zufällig 10, 20, 50 oder 80% des Vermögens enteignet wird. Wie sonst soll das im Geldspeicher gehortete Kapital wieder in die Volkswirtschaft zurückfliessen?

Dazu reicht auch der harte Sozialismus, für alle wenig, bedeutet Untergang der Eigeninitiative und Untergang der Wirtschaft.

Ich brauche Menschen, die z.B. mit der Produktion von Schuhen Geld verdienen wollen. Und wenn es mehrere Anbieter gibt, die mit Schuhen Geld verdienen wollen, dann bekomme ich gute und billige Schuhe.

Das Geld ist ständig unterwegs. Es ruht nicht und hat auch keinen eigenständigen Wert, es hat nur einen Wert als akzeptiertes Zahlungsmittel ( Tauschmittel ).
« Letzte Änderung: 18.08.2011, 22:09 von Datko »
Joachim Datko - Physiker, Philosoph
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Re: Staatsverschuldung
« Antwort #2 am: 19.08.2011, 13:34 »
Zum einen können die Staaten einiges gar nicht finanziell verwerten, wer würde z.B. alte Panzer kaufen oder Schulen.
Es geht zum Einen vorrangig nicht um eine Verwertung, sondern um den Überblick über Vermögen und Schulden. Und für "alte Panzer" gilt das selbe, wir für alte Maschinen in einem Unternehmen, sie werden lediglich mit ihrem ZEITWERT (Materialwert) bilanziert.

Die Zinsen dürfen ruhig sinken, das wäre Marktwirtschaft, damit könnten die Kapitalanleger sicherlich leben.
In gewissen Grenzen zutreffend. Ist jedoch INSGESAMT zu viel Geld vorhanden, sucht sich dieses leider auch ILLEGALE Möglichkeiten.

Damit wäre der Anleger der Dumme und derjenige der auf Kosten anderer lebt der Schlaue. ...
Im Extremfall würden Händler keine Waren gegen Papier-Geld geben ...
Da ist derjenige, der gespart hat, der Dumme.
Es ist im Rahmen eines (kurzen) Beitrags in einem Forum nicht möglich, alle Prämissen darzustellen. Aber es geht bei der Forderung nach Schuldenabbau NICHT um das NORMALE Sparvermögen des Bürgers, sondern um aufgelaufene STAATSSCHULDEN und EXTREME VERMÖGEN.
Im Grunde müssten die Mehrkosten des Staates nach Ablauf eines Kalenderjahre UNMITTELBAR auf alle Bürger entsprechened deren wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit umgelegt werden. Eine steuerliche Nachbelastung entsprechend der TATSÄCHLICHEN Kosten. Davor haben die Politiker jedoch Angst. Die Mittelverschwendung würde offensichtlich. Also schiebt man den Berg als Staatsverschuldung vor sich her. Aber irgendwann muss dieser (möglichst auch von der Generation, die den Nutzen hatte) abgetragen werden.
Und wenn es zur Streichung von Krediten kommt (oder einer Tilgungssonderabgabe) muss natürlich ein Freibetrag existieren und darüber hinaus eine steigende prozentuale Belastung (ähnlich Steuersatz).

Viele Wohlhabende sind ohne leibliche Erben, die werden im Todesfall nicht nur persönlich enteignet, sie können das Vermögen nicht einmal an Nachkommen weiter geben.
Nun, hier hat sich wohl ein kleiner Denkfehler eingeschlichen: Einen Toten kann man nicht mehr enteignen. Lebensende = Eigentumsende. Und selbst diejenigen, die keine Kinder haben, können ihr "Vermögen" zu Lebzeiten spenden, sinnvoll einsetzen oder testamentarisch vererben.
Im Grunde ist das Erbrecht etwas ziemlich unnatürliches. Kein Hirsch vererbt seinem Nachwuchs das Revier. Das Erbrecht wurde von Menschen erfunden, um Herrschaftsbereiche zu sichern und auszubauen.
Und wer würde nicht selbst gerne eine grosse Erbschaft machen? Am besten von der unbekannten Tante aus Amerika mit einem grossen Stapel Aktien im Schliessfach und Ölquellen im Vorgarten. Und wer selbst gern etwas geschenkt bekommen würde, kann anderen schlecht verbieten, das Gleiche zu erhoffen.
Im Grunde müssten alle Vermögenswerte Verstorbener in einen grossen Topf kommen, aus dem zunächst die aufgelaufenen Staatsschulden bezahlt werden. Ein ggf. vorhandener Überschuss muss an ALLE Neugeborenen gleich verteilt werden (Gleichheitsgrundsatz Art. 3 GG in Verbindung mit Eigentumspflicht gem Art. 14 (2) GG).
Für Ehepartner und unterhaltsberechtigte Kinder müsste natürlich ein Sondertopf aus dem Vermögen des Verstorbenen gebildet werden.

Es ist meiner Ansicht nach schade, dass viele Menschen arbeiten, die es finanziell nicht nötig haben.

Oh, diese Aussage wird wohl von einem etwas antiquierten Verständnis des Begriffs "Arbeit" getragen. Arbeit ist jedoch mehr, als nur Zeitaufwand zur Erringung des benötigten Geldbedarfs. Arbeit ist Teilnahme am gesellschaftlichen Leben. Arbeit ist das Einbringen eigener Fähigkeiten. Arbeit ist geistige und/oder körperliche Herausforderung. Arbeit ist ... ein wesentlicher Teil des Sinns des Lebens.
Zukünftige Generationen werden Tätigkeit und Verdienst sowieso völlig anders verstehen und handhaben. Es ist leider bislang nur der Beschränktheit der Menschen zuzurechnen, dass man glaubt, Motivation und Einsatz lediglich mit Geld steuern zu können. Erstaunlicherweise erkennen jedoch immer mehr Menschen, dass nach der Befriedigung der Grundbedürfnisse andere Aspekte des Lebens wichtiger sind, als ein reiner Zuwachs an Geldvermögen.

Ich brauche Menschen, die z.B. mit der Produktion von Schuhen Geld verdienen wollen. Und wenn es mehrere Anbieter gibt, die mit Schuhen Geld verdienen wollen, dann bekomme ich gute und billige Schuhe.
Die Frage ist nur, ob Geld das einzige und wichtigste Steuerungsmittel sein muss und sein kann. Es soll z.B. Schuhproduzenten geben, die einfach nur stolz auf ihr Produkt sein wollen, die in einem Schuh mehr sehen, als ein beliebiges Gut, das man möglichst billig produzieren und möglichst teuer verkaufen soll. Und wenn der Schuhhersteller morgen feststellt, dass er mit Aktienspekulationen leichter und mehr Geld verdienen kann, müssen sich seine ehemaligen Kunden wohl künftig Wertpapiere um die Füsse wickeln.
Geld ist ein VERRECHNUNGSMITTEL. Wenn es jedoch zum Selbstzweck wird, muss man gegensteuern. Die Suche nach einem vernünftigen Mittelweg zwischen Mensch und Kapital nennt man "soziale Marktwirtschaft". Wo genau der aktuell sinnvollste Kompromiss liegt, ist Gegenstand der Politik. Aber eines ist zumindest schon weitgehend erkannt worden: Beide Extreme (leistungsneutraler Sozialismus / unregulierte Kapitalherrschaft) sind FALSCH.

Die opimale Lösung hat bislang noch niemand gefunden, zumindest nicht realisiert. Vielleicht hilft es jedoch schon weiter, wenn wir beginnen, uns gedanklich etwas von dem zu lösen, was wir als unveränderbar ansehen. Manche Sicht auf Wirtschaft und Gesellschaft ist ebenso geprägt, wie früher die Religionslehren. Fangen wir also an, ALLES zu hinterfragen. Vielleicht finden sich überraschende und einfach zu handhabende NEUE ANSÄTZE. Viel Spass beim Denken.
« Letzte Änderung: 19.08.2011, 13:39 von TWMueller »
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