Autor Thema: 20. Jahrestag der verheerenden Katastrophe von Tschernobyl  (Gelesen 2216 mal)

Franz Straßer

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aus einem anderen Forum vom 24. März 2006, 08:22:19 »

20. Jahrestag der verheerenden Katastrophe von Tschernobyl
Der Ausstieg aus dem Atomausstieg?

Vor zwanzig Jahren, am 26. April 1986 um 1.23 Uhr wurde das "klitzekleine Restrisiko" Realität: Zunächst nur als Störfall, dann als eine Havarie publiziert, und zuletzt doch der GAU. Der größte anzunehmende Unfall der sogenannten "zivilen Kernenergienutzung" war eingetreten. Mit einem Schlag war der Fortschrittsmythos Atomkraft unserer Konservativen und Atombefürworter auf schreckliche Art und Weise entzaubert. Der 26. April 1986 steht für die dramatische Erfahrung der Unbeherrschbarkeit der Atomtechnologie. Ein misslungener Testversuch der Reaktorsteuerung führte dazu, dass die nukleare Kettenreaktion außer Kontrolle geriet und zum Höllenfeuer mutierte: Gewaltige Mengen Radioaktivität, 200 mal so viel wie bei den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki im zweiten Weltkrieg, gelangen als radioaktiver Fallout in die Umwelt, von der Ukraine über Weißrussland bis zu uns nach Europa hinein. Tausende "Liquidatoren", Selbstmordkommandos der Technokraten der Neuzeit, wurden eingesetzt, den unendlichen Brand einzudämmen; die Menschheit wusste sich nicht besser zu helfen, als von Hubschraubern aus Sand, Stahl, Lehm, Blei und Beton auf den durchgebrannten Reaktor zu werfen. Sieben Millionen Menschen wurden von der freigesetzten Radioaktivität geschädigt, mehrere Zehntausend Menschen aus der näheren Umgebung wurden sofort evakuiert, 400 000 Menschen aus dem näheren und weiteren Umkreis mussten wegen Verstrahlung ihrer Heimat dauerhaft umgesiedelt werden, bis zu 100 000 Tote in Folge der sofortigen oder allmählichen Verstrahlung gab es bis heute. Keine Katastrophe menschlichen Ursprungs forderte mehr Todesopfer. Beklemmende Fernsehbilder, die sich den Zeitzeugen tief ins Gedächtnis einbrannten. Der Schock saß tief: Seit Tschernobyl wurde in Deutschland kein einziges Kernkraftwerk mehr zugelassen. Deutschland, Schweden und Belgien beschlossen den Atomausstieg, Italien, Polen oder Österreich beschlossen, nie in die Atomenergienutzung einzusteigen.
Ganze Landstriche in der Ukraine und Weißrussland sind auf unabsehbare Zeit unbewohnbar. Die wirtschaftliche Not der nachsozialistischen Ära der zusammengebrochenen Sowjetunion zwingt 100 000 Menschen dazu, 5 Jahre nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl wieder in den noch immer gesperrten Zonen und Städten der Gomel- Region zu leben.

Und heute, 20 Jahre später? Eine Renaissance der Kernenergie, lieber den Atomtod als den Klimawandel? Eines der kurzlebigeren radioaktiven Isotope, das Cäsium 137 hat seine Halbwertszeit im Jahre 2006 noch nicht einmal erreicht, vor dem Verzehr von Wildschweinen wird immer noch gewarnt, da wollen Hirnverbrannte aus der Union den mühsam erzwungenen sog. Atomkonsens, den Ausstieg aus der zivilen Nutzung der Kernenergie, wieder aufkündigen und neue Reaktoren errichten lassen. Sie übersehen in ihrer Atomblindheit nur folgendes:

1. Die Mehrheit der Bevölkerung lehnt eine Energieversorgung durch Atomstrom nach wie vor ab. 88 Prozent der europäischen Bevölkerung wollen nach einer Studie der EU-Kommission nicht, dass weiter in die Atomkraft investiert wird.

2. Der sogenannte Atomausstieg, als einer der größten Erfolge der rot-grünen Bundes-regierung propagiert, ist keineswegs ein gelungener politischer Kompromiss, sondern entspringt einzig und allein wirtschaftlichen Erwägungen, ähnlich wie der Verzicht auf die Wiederaufarbeitung (WAA in Wackersdorf) vor zwanzig Jahren: Die natürlichen Ressourcen an nutzungsfähigem Natururan sind in 30 Jahren erschöpft. Kein anderer Brennstoff ist so begrenzt verfügbar, nicht einmal das Erdöl! Wie wir es bereits beim Erdöl sehen, klettern die Beschaffungspreise in unerreichte Höhen, der Punkt der Unwirtschaftlichkeit ist bald erreicht. Der faule Atomkompromiss ist im Grunde genommen sogar eine Bestandsgarantie für die Atomkraftwerksbetreiber.

3. Die Endlagerung des Atommülls, deren Lösung nach dem Atomgesetz ursprünglich unverbrüchlich mit der Zulassungsgenehmigung der Atomkraftwerke verbunden war, ist immer noch nicht gelöst. Der Salzstock von Gorleben ist nie nach Sicherheitskriterien ausgesucht worden und erweist sich als ungeeignet, ein Endlager im Saldenburger Granit im Bayrischen Wald bei Passau wird die CSU niemals ohne Verlust ihrer treuesten Wähler zulassen können. Können Sie sich Deutschlands Atomklo in unserem Ostbayern vorstellen? Wohl kaum. Doch dies wäre die letztendliche Konsequenz aus der Fortführung des Atom-Wahns. Der ewig strahlende Müll muss ja schließlich irgendwo hin. Warum nicht nach Bayern? Haben Sie sich übrigens schon einmal überlegt, mit welchen Piktogrammen und Schriftzeichen und in welcher Sprache Sie ein atomares Endlager beschriften würden, die noch in zehntausenden Jahren verstanden werden, wenn der Müll immer noch strahlt? ?Hou, dou strahlt?s!? Das Bundesumweltministerium brütet nach Angaben der Grünen gerade darüber.

4. Die angeblichen Vorteile der Atomkraft sind längst widerlegt. Unser Strom war die letzten 30 Jahre als Folgelast der aufwändigen Technologielasten der Kernenergie teurer als er ohne die Subventionen und Investitionen in die Kernenergie gewesen wäre. In den letzten 50 Jahren flossen rund 80 Prozent der weltweit für Energieforschung eingesetzten Gelder in die Atomtechnologie. Nach nun 20 Jahren beginnen die AKW?s, sich zu amortisieren, kurz vor dem Ende ihrer Lebensdauer, für die sie technisch ausgelegt sind (25 bis 30 Jahre, mehr ist technisch nicht drin für Beton und Stahl der Reaktorkernmäntel; die Bau- Standards stammen aus den Siebziger Jahren!!). Alles andere ist Hochrisiko- Spekulation. Es wäre unverantwortlich, die AKW?s länger laufen zu lassen. Selbst mit der niedrigen ?Altbewertung? der Atomwirtschaft wachsen sich die Laufzeitverlängerungen zu Katastrophen-wahrscheinlichkeiten im mittleren Prozentbereich aus!

5. Die technologische Nutzung der Kernenergie ist mit zu hohen Risiken verbunden. Tschernobyl war nicht die einzige "Havarie", Tschernobyl war (bislang) die größte  Katastrophe der sog. "zivilen Nutzung". Alle Jahre gibt und gab es Unfälle in kerntechnischen Anlagen: 1979 Harrisburg, ein Dutzend Beinahe- Katastrophen, oftmals verharmlosend "Störfälle" genannt, in den USA, Ungarn, Japan (Tokaimura) und Deutschland (Brunsbüttel). Und das sind nur die bekannt gewordenen! Hinzu kommt noch die von Greenpeace- Aktivisten aufgedeckte schleichende Verseuchung durch die Wiederaufarbeitungsanlagen von La Hague (Frankreich) und Sellafield (Großbritannien).

6. Die damalige Bundesumweltministerin Angela Merkel hat im Atomgesetz festgeschrieben, dass bei einem Reaktorunfall die Folgen auf die Anlage begrenzt bleiben müssen. Keine Anlage in Deutschland erfüllt diese Vorgaben. Das bedeutet, alle Anlagen müssten sofort stillgelegt werden. Mit diesem Wissen musste die nunmehrige Bundeskanzlerin im Koalitionsvertrag der Großen Koalition gegen den Widerstand aus ihren eigenen Reihen festschreiben, dass der sog. Konsens des Atomausstiegs nicht verändert wird oder längere Laufzeiten vereinbart werden.

7. Die Bedrohung durch terroristische Angriffe ist wahrscheinlicher geworden, auch und gerade im dichtbesiedelten Deutschland. Die bislang bekanntgewordenen Notfallpläne der AKW- Betreiber im Falle eines terroristischen Angriffs grenzen ans Komische. Außer der Einnebelung ihrer Anlagen, etwa im Falle eines sich nähernden entführten Flugzeugs, ist ihnen noch nicht viel eingefallen...

Die zukunftsgläubigen Chinesen wollen in den nächsten Jahren 32 neue Atomkraftwerke errichten, ihre rasante wirtschaftliche Entwicklung mit ihrem immensen Energiebedarf zwingt sie vermeintlich dazu, auf Dinosauriertechnologien zu setzen. Auch Iran pocht auf sein Recht der zivilen Nutzung der Kernenergie. Anders als Indien, dem strategischen Partner der USA, ist der Iran Unterzeichnerstaat der Nichtweiterverbreitung von Atomtechnologie zu militärischen Zwecken. Sie alle wären gut beraten, auf diese Atomkraftwerke zu verzichten und den intelligenteren Weg des Energiemixes zu gehen. Den Weg, den Rot-Grün gehen wollte: Erneuerbare Energien, höhere Energieeffizienz und Energieeinsparung. Übrigens, in den USA, dem (angeblichen) Fortschrittsmotor der westlichen Hemisphäre, wurde bereits seit 30 Jahren kein Atommeiler für zivile Nutzung mehr gebaut. Wissen die vielleicht mehr als wir?

Weltweit werden derzeit weniger Atomkraftwerke neu gebaut als in den nächsten Jahren vom Netz genommen werden. Der Atomausstieg wirkt bereits: 2003 wurde das KKW Stade stillgelegt, im Jahr 2005 das KKW Obrigheim. In der laufenden Legislaturperiode der Großen Koalition müssen vier Kernkraftwerke stillgelegt werden, allesamt Spitzenreiter der Störfalllisten: Biblis A, Neckarwestheim1, Biblis B und Brunsbüttel. 2023 soll nach dem bisherigen Ausstiegsszenario das letzte Kernkraftwerk in Deutschland stillgelegt werden. Vielleicht zwanzig Jahre zu spät? Der Abbruch und die sichere Entsorgung stehen ja auch noch aus. Dies alles zeigt: 20 Jahre nach Tschernobyl gibt es keinen Grund, von einer Forderung nach einem Sofortausstieg abzurücken. Atomkraft ? Nein danke! Nie wieder Tschernobyl. Die anhaltende Katastrophe von Tschernobyl zwingt uns dazu, das Bewußtsein für die Folgen des Machbarkeitswahns sogenannter ?neuer Technologien? zu schärfen.                 

Franz Straßer