Autor Thema: Von der sozialen zur demokratischen Marktwirtschaft  (Gelesen 4473 mal)

Peter Ludwig

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Von der sozialen zur demokratischen Marktwirtschaft
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Rechtsgrundlage sozialer Gerechtigkeit

In der Sozialen Marktwirtschaft sind die Unternehmer und die Arbeitnehmer die Sozialpartner. In der demokratischen Marktwirtschaft sind dagegen Sozialpartner die Unternehmer und die Kunden. Die Kunden deshalb, weil sie die Auftraggeber der Unternehmen sind. Dies ergibt sich aus folgendem Ähnlichkeitsschluss:
Der Einzelauftrag zwischen einem Kunden und einem Unternehmer muß in ähnlicher Weise bei vielen Kunden und vielen Unternehmern gelten. Die Mündlichkeit des Einzelvertrags wird bei einem Vertrag mit vielen Kunden durch schlüssige Handlungen ersetzt.

Die schlüssigen Handlungen der Kunden bestehen in der Abnahme der von den Unternehmern hergestellten und angebotenen Waren und Dienstleistungen. Mit dieser Abnahme erklären sie schlüssig, dass sie mit der Herstellung der Waren und dem Angebot der Dienstleistungen einverstanden sind. Dies gilt auch für die Zukunft, denn die Kunden wollen, dass auch weiterhin Waren und Dienstleistungen angeboten werden. Der hier erkennbare Kundenwille stellt einen Auftrag dar, der an jeden ergeht, der sich für fähig hält, diesen Auftrag auszuführen.

Die schlüssigen Handlungen der Unternehmer bestehen in der Annahme dieses Auftrages, indem sie Waren herstellen und den Kunden anbieten und übergeben (entsprechendes gilt für Dienstleistungen).  Die Übergabe der Waren stellt eine schlüssige Handlung dar.

Der zwischen den Kunden und den Unternehmern entstandene Auftragsvertrag macht die Kunden zum Sozialpartner der Unternehmer. Die Kunden sind hierbei die Auftraggeber, die Unternehmer die Beauftragten. Es sind die §§ 662 ff BGB anzuwenden. Das Risiko der Unternehmer wird über §§ 670 BGB von den Kunden als Auftraggeber getragen. Weitere wichtige Vorschriften sind die §§ 666 und 667 BGB (Weisungsrecht und Herausgabepflicht).

Die demokratische Marktwirtschaft besteht in nichts anderem als der Erfüllung des Auftragsvertrags zwischen Kunden und Unternehmern. Das demokratische Element dabei sind dabei die Kunden. Sie sollten sich nicht ausschliesslich vom Staat vertreten lassen, sondern selbst mit den hier aufgezeigten privatrechtlichen Möglichkeiten in die Marktwirtschaft eingreifen. Dies erfordert allerdings eine gemeinsame Vorgehensweise.

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TWMueller

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Re: Von der sozialen zur demokratischen Marktwirtschaft
« Antwort #1 am: 11.12.2012, 20:19 »
Zumindest bei halbwegs idealtypischen Märkten geht man davon aus, dass ANGEBOT und NACHFRAGE sowohl das Waren- und Dienstleistungsangebot an sich, aber auch die Preise innerhalb eines Anpassungskorridors selbst regeln.

Dieser "idealtypische" Markt liegt jedoch nur vor, wenn VIELE Anbieter auf VIELE Nachfrager treffen und KEINE ABHÄNGIGKEITEN bestehen.

Man merkt also schnell selbst, dass diese Lehrbuchvoraussetzung in der Praxis nicht immer gegeben ist. Wir haben eben nicht beliebig viele Stromanbieter, deren Kabel in unseren Kellern nur angezapft werden müssten.

Und im Prinzip ist der ARBEITS-Markt auch nur ein Markt. In der Ausgestaltung, die die "Arbeit" jedoch mittlerweile in den arbeitsteiligen Industriegesellschaften gefunden hat, gibt es jedoch derart viele Abweichungen von einem "idealtypischen" Markt, dass man ohne Regulierung von außen nicht zurecht kommt.

Ich kann eben als Arbeitnehmer nicht so ohne Weiteres auf Angebot- und Nachfrage reagieren. Man arbeitet eben nicht z.B. im Januar in Hamburg, im Februar in München und im März in Berlin. Und ein Angebot an Arbeitsmöglichkeiten, das so ohne weiteres einen Wechsel ermöglicht, gibt es (leider) auch nicht.

Der Unternehmer, der keine Arbeiter findet, macht vielleicht keinen Gewinn.
Der Arbeitnehmer, der keinen Auftraggeber findet, ist jedoch existenziell bedroht. (Ich spreche bewußt von "Auftraggeber", da ein Arbeitsverhältnis im Grunde auch nur ein Geschäft, allerdings mit nur EINEM monopolistischen Auftraggeber ist)

Von Waffengleichheit auf einem MARKT kann daher keine Rede sein.

Man sollte daher weniger von "sozialer" oder "demokratischer" Marktwirtschaft sprechen, sondern schlicht eine "FAIRE" Marktwirtschaft fordern. Obwohl natürlich auch der Begriff "FAIR" absolut unbestimmt ist, so haben die Menschen doch ein ziemlich ausgeprägtes Gespür, wie weit die BANDBREITE der FAIRNESS geht. Und selbst dann, wenn es kaum gelingt, ein Maß für "Fairness" zu bestimmen, so gibt es doch einen erstaunlich breiten Konsens, was "UNFAIR" ist.

Wenn man also auf dem WAREN- und DIENSTLEISTUNGS-MARKT, aber auch auf dem ARBEITS-MARKT vielleicht Schwierigkeiten hat, den optimalen oder zumindest angemessenen Preis (und die zugehörigen Konditionen) zu bestimmen, so wäre es doch bereits ein enormer Fortschritt, den OFFENSICHTLICHEN Ausreissern nach unten oder oben einen Riegel vorzuschieben. Geben wir Anreize für FAIRNESS, aber bekämpfen wir aktiv UNFAIRE Verhältnisse, die sehr schnell in BETRUG oder NÖTIGUNG übergehen können. Leistung und Gegenleistung sollten IMMER in einem angemessenen Verhältnis stehen.

EIN wichtiges Mittel hierzu ist die FÖRDERUNG DER VIELFALT (und Bekämpfung, zumindest Kontrolle aller Monopole). Ein weiteres Mittel sollte die aktive Bekämpfung von ABHÄNGIGKEITEN und ERPRESSBARKEIT sein.

Wenn man dies berücksichtigt, wird man auch erkennen, dass ABHÄNGIGKEITEN nicht nur im WIRTSCHAFTSBEREICH oder im ARBEITSLEBEN bestehen, sondern zunehmend auch auf STAATLICHER Seite. Wer nur das MONOPOL des KAPITALS gegen das MONOPOL des STAATES austauscht, kommt lediglich vom Regen in die Traufe. Wirkliche, langfristig wirksame und sich selbst steuernde Lösungsansätze müssen daher immer die UNABHÄNGIGKEIT und FREIHEIT der INDIVIDUEN anerkennen und fördern.

Die Bionik nutzt Erkenntnisse aus der Natur, zur Umsetzung in technische Lösungen. Warum übertragen wir dieses Prinzip nicht auch mal auf gesellschaftliche und wirtschaftliche Aspekte? Das Erfogsgeheimnis der Natur ist die auf VIELFALT beruhende EVOLUTION. Stärken wir daher eben diese VIELFALT auch in allen Bereichen des Lebens. Geben wir den Einzelnen, Gruppen und Gesellschaften so die Möglichkeit, sich zu ENTWICKELN.

Das Ergebnis wird dann sowohl SOZIAL, als auch DEMOKRATISCH und letztendlich FAIR sein.
« Letzte Änderung: 11.12.2012, 20:27 von TWMueller »
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Neumeister

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Re: Von der sozialen zur demokratischen Marktwirtschaft
« Antwort #2 am: 15.12.2012, 01:56 »
Das Problem ist, glaube ich, dass wir beständig etwas kaufen sollen, was wir vielleicht gar nicht brauchen. Ich selbst z.B. bin Musiker und produziere immer noch mit Win XP. Klingt die Musik deshalb schlechter, als wenn ich Vista, Win7 oder 8 benutzt hätte? Natürlich nicht. Im Restaurant fragen Sie den Koch doch auch nicht, auf welchem Herd er das Essen gekocht hat.
Hauptsache, es schmeckt.

Möglich ist das aber nur, weil eine unausgesprochene Allianz mündiger User, zur Sparsamkeit verpflichteter Schulen, zur Effizienz verpflichteter Unternehmen und sogar der holländischen Regierung für das Recht auf freie Wahl des Betriebssystems gekämpft haben.

Die User durch Ignorierung, Schulen und Firmen durch Ignorierung und das Recht auf Downgrade, das wiederrum von der holländischen Regierung erstritten wurde.

Klar ist das nicht 1 zu 1 übertragbar, auf den Energiemarkt schon gar nicht. Ein Betriebssystem haben wir schon, Energie brauchen wir permanent. Das macht uns für die Industrie erpressbar. Hier sind wir ohne staatliche Unterstützung machtlos.

Aber man kann doch überall probieren, was geht. In der Umgebung von Stuttgart sind z.B. gerade Fahrgemeinschaften angesagt, weil vor allem Pendler nicht mehr riskieren wollen, auf der Bahnhofsbaustelle 4 Stunden auf ihre Verbindung zu warten.

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Re: Von der sozialen zur demokratischen Marktwirtschaft
« Antwort #3 am: 15.12.2012, 17:27 »
Interessanter Hinweis auf die Betriebssysteme und die damit in Zusammenhang stehende Regelung in HOLLAND. Es wäre sicher auch für Andere interessant, mehr und Genaueres hierüber zu erfahren. Manchmal kann der "Wettbewerb" innerhalb der EU-Statten ja sogar auch mal ein Wettbewerb der einfachen und unbürokratischen Lösungen sein.

Das besonders Ärgerliche, nicht nur an Betirebssystem-Updates, ist zudem, dass man zwar so tut, alle gäbe es Verbesserungen, in Wirklichkeit ist jedoch teilweise genau das Gegenteil der Fall. Man muss Rechnerkapazitäten bereit halten für verspielte Funktionen, die man gar nicht braucht oder haben will. Aber auch bei sonstigen Waren ist es leider nicht anders. Der Uralt-Toaster funktioniert immer noch, wird aber ggf. durch das hübsche Weihnachtsgeschenk mit elektronischer Bräunungsautomatik ersetzt. Falscher Fehler. Denn die neuen Geräte haben mit ihren überflüssigen Zusätzen eben auch überflüssige Fehlerquellen. Und, dass viele technische Geräte sogar Soll-Bruchstellen enthalten, die die Lebensdauer künstlich und zum Teil drastisch verkürzen, dürfte mehr als nur eine Verschwörungstheorie sein.

Man darf bei all diesem Gemauschel jedoch nicht den Fehler machen und bei jeder Fehlentwicklung gleich wieder nach dem Staat, der EU oder einem Gesetz rufen. Leider wachen viele Bürger nur dann auf, wenn sie mal in die Preis- oder Schrott-Falle getappt sind. Um daher tatsächlich eine Änderung des Verbraucherverhaltens (und in der Folge des Angebots) zu bewirken, bedarf es zwar möglichst vieler INFORMATIONEN, leider aber auch der FREIHEIT, FEHLER MACHEN ZU KÖNNEN. Je UNMÜNDIGER die Bürger jedoch gehalten werden, um so stärker werden sie ABHÄNGIG.

Wir brauchen daher den MUT ZUR LÜCKE. Wir müssen im Kleinen auf Regulierungen verzichten, um IM GROSSEN UND GANZEN ZU GEWINNEN. Jeder Mensch wird nur so SELBSTÄNDIG, wie man es ihm erlaubt und zutraut.
« Letzte Änderung: 15.12.2012, 17:29 von TWMueller »
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UHerbst

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Re: Von der sozialen zur demokratischen Marktwirtschaft
« Antwort #4 am: 08.07.2013, 18:23 »
Ich glaube, die beiden letzten Beiträge schweifen etwas vom Thema ab (ohne Kritik!), denn das Kernproblem unseres derzeitigen Gesellschaftsmodells ist weder die soziale, noch die demokratische Marktwirtschaft, sondern die von Angela Merkel propagierte 'marktkonforme Demokratie', die letztendlich nichts anderes besagen soll, als dass sich die demokratischen (und berechtigten) Ansprüche der Menschen den Gesetzen des Marktes (sprich: der Wirtschaft) unterzuordnen hätten.

Wir glauben immer noch, dass wir einen Arbeitsmarkt hätten. Dem ist aber, spätestens seit Schröder, nicht mehr so. Die Politik hat ein Instrument entwickelt, das den Arbeitnehmern zweierlei signalisieren soll: 1. Wenn du Arbeitnehmer (in Beschäftigung) bist, dann schau' dir genau an, was passiert, wenn du deinen Job verlierst, nämlich dann gehörst du blitzschnell zu den Verlieren dieser Gesellschaft. 2. Wenn du Arbeitnehmer (ohne Beschäftigung) bist, dann hast du gefälligst alle deine vermeintlichen Rechte an der Garderobe des Arbeitsamtes abzugeben und zu tun, was wir als Politik dir vorschreiben - ansonsten entziehen wir dir per Sanktion die Lebensgrundlage.

Daraus folgt - es gibt keinen Arbeitsmarkt (mehr), sondern nur noch das Diktat der Wirtschaft, mit der Politik als Erfüllungsgehilfen.

Den ‚Arbeitsmarkt’ kann es auch nicht mehr geben, wenn man sich einmal Folgendes vor Augen führt: Jedes Unternehmen und jede Institution, Behörde etc. ist heute bestrebt, so wenig wie möglich Personal zu beschäftigen, denn das ist der größte und unsicherste Kostenfaktor. Jede Rationalisierung führt daher zwangsläufig zum Abbau von Arbeitsplätzen und das ist ebenfalls politisch - weil von der Wirtschaft gefordert - so gewollt. Es war auch von der Politik nie beabsichtigt, den Arbeitsmarkt nur zu ‚flexibilisieren’, denn dann hätte man z. B. der Leiharbeit per Gesetz vorgeschrieben, dass Leiharbeiter genau soviel (oder sogar mehr) verdienen müssten, wie Festangestellte.

Die ganze Aktion ‚Flexibilisierung des Arbeitsmarktes’ diente nur dazu, die Arbeitnehmerseite per Gesetz zu schwächen und gleichzeitig über Dumpinglöhne massive Exportüberschüsse zu erzielen – mit dem Erfolg, dass andere Volkswirtschaften in Europa nicht mehr wettbewerbsfähig waren. Gleichzeitig wirft man diesen Volkswirtschaften, die wir jahrelang mit unseren Exporten vollgepumpt haben und denen wir unsere Waren und Dienstleistungen (noch dazu mit billigen Krediten) förmlich aufgedrängt haben, dann vor, dass sie über ihre Verhältnisse gelebt hätten. Denn wir waren es doch, die als Erste die Konvergenzkriterien des Euro gebrochen haben – und unsere Politiker haben fröhlich zugesehen, bzw. weggeschaut, als Länder wie Griechenland sich in den Euro hineinbetrogen haben, wohl wissend, dass das auf lange Sicht nicht funktioniert. Aber klar, Griechenland war ein interessanter Exportmarkt für unsere Wirtschaft. Nur die schwache und labile Drachme störte dabei. Also flux hinein in den Euro, dann hat die Exportwirtschaft schon kein Wechselkursrisiko und es ließ sich gemütlich und kräftig exportieren.

Wenn Griechenland und die anderen südeuropäischen Länder nicht ‚über ihre Verhältnisse gelebt’ hätten, sähe unsere Exportbilanz ganz anders aus, wobei das gesamtwirtschaftlich wesentlich besser wäre, denn die Überschüsse des Einen sind immer die Defizite des Anderen. Und eine Bilanz sollte möglichst immer ausgeglichen sein. Aber das scheint für unsere herrschende Politik in ihrer Kurzsichtigkeit nicht erkennbar und begreifbar zu sein.

Es gibt jede Menge Unternehmensziele wie Gewinnmaximierung, Ausweitung des Absatzmarktes, Stärkung der Marktposition etc, etc.. Nur das Ziel, möglichst viele Mitarbeiter zu beschäftigen gibt es in keinem Unternehmen und keiner Institution oder Behörde. Jede 'Freisetzung' von Personal wird ja heute vom jeweiligen Arbeitgeber als Erfolg gefeiert und der Staat und die Kommunen machen dabei keine Ausnahme. Wir befinden uns daher in einem derzeit scheinbar unlösbaren Konflikt: Die Volkswirtschaftler fordern (scheinheilig) Maßnahmen, um Arbeitsplätze zu schaffen, während die Betriebswirtschaftler das genaue Gegenteil davon anstreben und realisieren.

Langfristig werden sich die Betriebswirte auch durchsetzen, wenn die Politik die Rahmenbedingungen nicht ändert - und danach sieht es derzeit leider nicht aus. Es wird auch zukünftig keine Ausweitung der Arbeitsplätze geben, denn die Rationalisierung schreitet immer schneller voran (vgl. Jeremy Riffkin; 'Das Ende der Arbeit') und wird nur dann als Erfolg gewertet, wenn wieder eine mehr oder weniger große Anzahl an Arbeitsplätzen verschwindet.

Obwohl weder die Wirtschaft, noch die Politik ein ernsthaftes Interesse an einer Stärkung des Arbeitsangebotes haben, wird den Menschen aber immer noch suggeriert, dass ihr eigentlicher Lebenssinn in einem ‚sicheren Arbeitsplatz’(?) und  einem ‚erfüllten Arbeitsleben’ besteht. Unter dieser Maxime lässt sich das Argument 'Hauptsache Arbeit' natürlich prächtig verkaufen - egal zu welchem 'Preis' (Lohn) Arbeit angeboten wird. Gleichzeitig wird von denselben Protagonisten bewusst und massiv verhindert, dass Arbeit, die nicht 'entlohnt' wird (Kindererziehung, soziales u. kulturelles Engagement, ehrenamtliche Tätigkeiten etc.) nicht als Arbeit im 'herkömmlichen' Sinne anerkannt wird. Damit wird erreicht, dass der Wirtschaft stets genügend Arbeitskräfte zur Verfügung stehen, die für jeden noch so niedrigen Lohn arbeiten, denn Geld gibt's ja nur für 'Erwerbstätigkeit'. Und ohne Geld keine Lebensgrundlage.

Auch die gebetsmühlenartige Propaganda von der besseren Bildung wird keine Änderung, sondern eine Verschärfung des Problems bringen. Je mehr gut und besser gebildete und ausgebildete Menschen wir haben, umso größer wird das Angebot an diesen Fachkräften - mit dem Erfolg, dass sich die Wirtschaft wieder die besten (und billigsten) Angebote heraussuchen kann. Der ‚Rest’ wird dann die sich jetzt schon abzeichnende 'Generation Praktikum' verstärken und dient gleichzeitig wieder als Druckmittel gegenüber denen, die Arbeit haben. Bei diesen Menschen wird dann eines Tages noch hinzukommen, dass sie keine Arbeit finden, weil sie zu spezialisiert (sprich: überqualifiziert) sind. Die einzige Chance, die damit verbunden ist, ist die, dass besser gebildete Menschen kritischer, differenzierter und engagierter sind und eher dazu bereit und in der Lage sind, Verhältnisse zu hinterfragen und sich zu wehren. Leider ist dazu bisher die ‚kritische Masse’ in Deutschland noch nicht erreicht, aber sie wächst ständig.

Auch die EU ist da nicht hilfreich, denn die EU ist keine gesellschaftlich-menschliche Verbindung der einzelnen Länder, sondern in erster Linie eine wirtschaftliche. Das leitet sich schon aus der Gründung der EU als Montanunion und später als EWG (Europäische Wirtschaftsgemeinschaft) her. Die EU wird daher auch nicht von sozialen oder gesellschaftlichen Werten bestimmt (allenfalls als ‚Feigenblatt’ oder ‚Abfallprodukt’) sondern fast ausschließlich von Wirtschaftsinteressen.

Die jetzige Panikmache vom drohenden Fachkräftemangel und die Reaktion darauf, verstärkt ausländische Fachkräfte in's Land zu holen, hat nur einen Grund: Dem hiesigen Arbeitskräftepotential eine billige und willige Alternative gegenüber zu stellen, um Lohnkosten zu drücken und Drohkulissen aufzubauen (wenn du, deutsche Fachkraft mehr Geld/bessere Bedingungen haben willst, dann holen wir unsere Fachkräfte eben aus Süd- oder Osteuropa, oder aus Indien und Asien).

In unserer derzeitigen Gesellschaft wird Geld als subtile ‚Universal-Waffe’ eingesetzt. Mit Geld kauft man Politiker und Parteien, mit Geld kauft man Medien und Recht, mit Geld stellt man (teilweise) kritische Geister und einen Teil der Bevölkerung ruhig – wer nicht über Geld verfügt, ist der Parier dieses Zeitalters. Um an Geld, allein für die elementaren Bedürfnisse des täglichen Lebens zu kommen, hat der moderne Sklave zu allem bereit zu sein und nicht aufzubegehren. Die Frage, die sich hier stellt, ist jedoch, ob diejenigen, denen man ein auskömmliches, humanes Leben mangels Geld verweigert, nicht irgendwann auch nach ‚Waffen’ suchen, um ihre Situation zu ändern. Ob diese ‚Waffen’ dann immer konstruktiv sind, bleibt abzuwarten.

Wenn man alle Sachverhalte berücksichtigt, dann muss eigentlich alles auf ein bedingungsloses Grundeinkommen hinauslaufen. Nur damit lässt sich halbwegs eine ‚Gleichwertigkeit’ von Arbeitgebern und Arbeitnehmern erzielen. Das aber wiederum will die Wirtschaft – und somit die Politik nicht, denn dann würden ja die Druckmittel gegenüber den Arbeitnehmern entfallen.

Das bedingungslose Grundeinkommen ist – entgegen allen anderen Behauptungen – finanzierbar und umsetzbar, es ist nur (wirtschafts)politisch nicht gewollt. Deshalb wird auch jede ernsthafte Diskussion darüber im Keim erstickt und als ‚utopische Spinnerei’ abgetan. Dass damit, wie mit allen gesellschaftlichen Veränderungen, Schwierigkeiten und neue Probleme verbunden seien werden, ist unbestritten – aber Probleme und Schwierigkeiten sind dazu da, analysiert, bearbeitet und gelöst zu werden. Dazu allerdings fehlt der Wirtschaft und der Politik aus vorgenannten Gründen jede Bereitschaft – und mit dem Argument der ‚Unfinanzierbarkeit’ (und der angeblichen Faulheit breiter Bevölkerungsgruppen) lässt sich ja auch elegant jede Diskussion erschlagen. Man muss es dem ‚dummen Volk’ nur oft genug sagen, dann wird es das schon glauben.

Aber: Vor 100 Jahren wurde noch manches, was für uns heute selbstverständlich ist, als ‚utopische Spinnerei’ betrachtet. Insofern besteht auch hier noch Hoffnung. Und wenn man die derzeitige Situation allein nur in D und EU beobachtet, dann gibt es dazu auf lange Sicht keine Alternative – es sei denn, die zunehmende Verarmung weiterer Bevölkerungsgruppen soll in Aufstände und Unruhen münden. Die Südeuropäer werden es uns demnächst vermutlich vormachen, aber dann will wieder kein Politiker etwas geahnt oder vorhergesehen haben.

TWMueller

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Re: Von der sozialen zur demokratischen Marktwirtschaft
« Antwort #5 am: 10.07.2013, 23:30 »
@ [UHerbst]: Danke für den interessanten und zutreffenden Beitrag.

Leider ist der Weg von der (ersten) Erkenntnis eines Problems bis zu dessen Lösung meist sehr lang. Wirkliche Änderungen ergeben sich oft erst, wenn eine Schmerzgrenze deutlich überschritten wird oder unhaltbare Zustände zum Handeln zwingen. Leider bringt dieser Zwang dann nicht unbedingt auch die besten Lösungen hervor.

Wenn man heute von einem friedlichen Deutschland etwas zurückblickt, so muss man erkennen, dass der Zweite Weltkrieg von den Aliierten letztendlich nicht mit Waffen gewonnen wurde. Es waren die Care-Pakete, die Rosinenbomber und freiheitliches Gedankengut, die den FRIEDEN brachten. Heute wird zwar häufig nicht offen mit Waffen gekämpft, aber es herrscht ein WIRTSCHAFTS-Krieg. Die Gefahr ist jedoch, dass eine zu große soziale Ungleichheit über Kurz oder Lang zu Unruhen führen wird. Die großen Abzocker haben noch nicht erkannt, dass sie eine Kuh, die sie geschlachtet haben, anschließend nicht mehr melken können.

Aber Änderungen beginnen immer auch in den Köpfen der Menschen. Ich möchte hier mal ein Beispiel anführen.

Auf einer Baustelle werden drei Bauarbeiter gefragt, was sie denn hier machen.
Der Erste antwortet: "Dumme Frage, ich verdiene das Geld für Miete und Essen."
Der Zweite: "Ich bin Maurer. Ich errichte eine Wand, die gerade und stabil ist."
Der Dritte jedoch geht weiter: "Ich helfe mit, hier eine moderne Klinik zu bauen."

Drei Antworten, drei Mal zutreffend, aber drei Denkweisen.

In der Psychologie gibt es den Begriff des "transformatorischen Vokabulars". Die Verwendung anderer Begriffe verändert das Empfinden, Denken und Handeln. Derjenige, der (nur) "Geld verdient" wird sich anders verhalten, als derjenige, der mithilft, ein Projekt zu verwirklichen, ein Ziel zu erreichen. Der Eine ist "Arbeitnehmer bei Opel", der Andere arbeitet mit an der Entwicklung des ersten Elektroautos zu marktgerechten Konditionen.

Diese Erkenntnisse aus der Verwendung von Begriffen, ist in Werbung und Politik schon lange angekommen. Dies ergibt dann so hübsche Stilblüten wie das "negative Wachstum" oder das "suboptimale Verhalten". Welch ein begrifflicher Unsinn!

Doch wenden wir diese Erkenntnisse doch auch mal auf das angesprochene und geforderte "Grundeinkommen" an. Ein "Grundeinkommen" klingt nach "Geschenk". Da soll jemand fürs Nichtstun auch noch bezahlt werden?
Verwenden wir doch mal eine andere Formulierung: "TEILHABE am wirtschaftlichen Erfolg der Volkswirtschaft". Sehen wir den Bürger doch mal kurz als Aktionär an der "Deutschland AG". Und finanzielle Leistungen der Gesellschaft an den Einzelnen sind quasi die DIVIDENDE.

In der "klassischen" Familie (Vater arbeitet, Mutter macht den Haushalt, Kinder gehen in die Schule) sitzen doch auch alle gemeinsam am Tisch und essen den selben Braten. Mutter und Kinder dürfen in Vatérs Auto mitfahren und sogar mit in den Urlaub reisen. Auch die Deutschland-Familie sollte alle Mitbewohner am Tisch Platz nehmen lassen. Teilhabe ist kein Almosen sondern ein Gebot der Fairness.

Und sogar die Kapital-Eigentümer verschenken in Wahrheit kein Geld an "Sozial-Schmarotzer" (wie ja manchmal in Talk-Shows angeführt wird). Wenn man den Blickwinkel auch nur leicht verändert, INVESTIEREN sie vielmehr in SOZIALEN FRIEDEN. Wer statt dessen Wirtschafts-Kriege führen will, darf sich nicht wundern, wenn er irgendwann vielleicht nur noch bewaffnet und mit Bodyguard auf die Strasse darf. Die Frage für ihn wird dann nicht mehr sein, wieviele PS sein Sportwagen hat, sondern wie stark sein Fahreug gepanzert ist. Das zunächst "gesparte" Geld muss dann vielleicht für Panzerglas und Alarmanlagen wieder ausgegeben werden. Wollen wir SO leben?

Eine Wirtschaft kann zudem nur funktionieren, wenn nicht nur "billig" produziert wird, es muss auch Leute geben, die hinreichend Finanzmittel haben, um die hergestellten Güter oder die angebotenen Dienstleistungen auch nachfragen zu können. Jede angemessene Entlohnung von Mitarbeitern ist somit auch eine Investition in zukünftige Konsumenten.

Vielleicht wird sich zudem auch das Denken der Menschen langsam verändern. Vielleicht wird die Altenpflegerin irgendwann zu einem Banker selbstbewußt sagen: "Du hast viel Geld. Na und? ICH jedoch leiste eine sinnvolle und wichtige Arbeit. Du nimmst anderen etwas weg. Ich gebe etwas."

Und vielleicht verändert dies auch das SOZIALE Ansehen und die WERTUNG von KAPITAL und ARBEIT. Vielleicht erkennt der Eine oder Andere auch, dass er, wenn er ständig nur dem Geld hinterher läuft, keine Zeit mehr hat, zu leben. Die Quantität des Kapitals ist eben nicht identisch mit der Qualität des Lebens. Was nutzt die zweite Millionen, wenn man schon nicht mehr die Zeit hat, die erste auch auszugeben?
« Letzte Änderung: 10.07.2013, 23:44 von TWMueller »
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