Die Menschheit lernt. Aber sie lernt langsam.
Besonders deutlich wird dies beim Glauben in Gestalt religiöser Systeme.
Auf Stufe 1 sahen die Menschen noch in jeder Naturerscheinung das Wirken eines Gottes.
Auf Stufe 2 bildete sich eine Bildungselite, die es verstand, die Unwissenheit und den Aberglauben der Menschen zu ihren eigenen Zwecken zu nutzen. Neben den stärksten "Häuptling" trat der "Medizinmann", der durch Interpretation des "Göttlichen" sein Parallel-Macht-System etablierte.
Auf Stufe 3 wurde der Glaube zur Religion durchorganisiert. Die weltlichen Mächte wurden im Hintergrund (und teilweise auch ganz offen) von den Klerikern kontrolliert und gesteuert.
Auf Stufe 4 verbreitete sich durch Buchdruck und Schulen die Bildung auch im Volk. Wissenschaftliche Erkenntnisse waren nachvollziehbar und konnten nicht mehr einfach weg-gepredigt werden.
Auf Stufe 5 führte die Bildung im Volk zum Streben nach Freiheit und Gleichheit der Menschen. Weltliche Demokratien entstanden. Die religiösen Systeme bilden ein (teilweise widerstrebendes) Werte- und Machtsystem.
Auf Stufe 6 hat die Demokratie und die Wissenschaft offiziell den Vorrang. Die Religion beansprucht jedoch immer noch Moral und Ethik für sich. Die Menschen werden teils unmerklich mit religiösen Lehren indoktriniert und in ihrem Denken geprägt.
Auf Stufe 7 werden sich immer mehr Menschen von den Denkschemata der regional führenden Religionsrichtungen befreien. Zugleich wird erkannt werden, dass es in einer friedlichen Gemeinschaft keine zwei konkurrierenden Werte- und Machtsysteme geben darf. Der religiöse Glaube wird zumindest hinsichtlich Recht und Gesetz klar in die Privatsphäre verbannt.
Und erst auf Stufe 8 wird die Abhängigkeit von religiösen Parallel-Systemen überwunden sein. Da die Menschen bereits ab Kindesalter mit der Vielfalt des Lebens und der Freiheit im Denken vertraut sind, kann sich keine einheitliche religiöse Struktur auf Gesellschaftsebene mehr bilden, die einen unangemessenen Einfluss auf die Gestaltung des Gemeinwesens nehmen könnte.
Leider wird dieser Prozess der geistigen Befreiung nicht so ganz unproblematisch verlaufen. Zum Einen werden die "Machthaber" sowohl auf weltlicher, wie kirchlicher Seite, ihre Privilegien wohl kaum ohne Verteidigung aufgeben. Zum Anderen sind Konflikte vorprogrammiert, wenn auf einer global zusammenwachsenden Welt, Menschen und Gruppen aus unterschiedlichen Erkenntnisstufen aufeinander treffen. Bei aller Tolleranz für die Glaubensfreiheit dürfen sich die Menschen, die bereits eine höhere Erkenntnisstufe erreicht haben, nicht verleiten lassen, sich aus falsch verstandener Akzeptanz wieder zurück zu bewegen. Wer Mystik und Aberglauben füttert, vergiftet das Denken der Kindergenerationen. Es gilt daher, jeglicher Ausprägung religiösen Fundamentalismus' frühzeitig eine Grenze zu setzen und Übergriffe der Religionen in das freiheitlich demokratisch organisierte Gesellschaftsleben nicht zuzulassen. Jede falsch verstandene Nachgiebigkeit wird sich später schwer rächen.
Die Menschheit beginnt zwar selbständig zu denken, aber der Funke intellektueller Selbstbestimmung ist noch sehr anfällig. Es wird daher die wichtigste Aufgabe aller friedlichen und freiheitsliebenden Menschen rund um den Globus sein, Meinungs- und in der Folge Pressefreiheit zu schützen und kontinuierlich auszubauen. Gefährlich sind nicht die Menschen, die frei und selbstbestimmt denken und leben wollen, gefährlich sind diejenigen, die eigenständiges Denken nie gelernt haben und denen ein Vordenker ein Gewehr in die Hand drückt.