Das Christentum ist keine Religion. ... alles nur geklaut und neu aufgebaut.
Das Christentum mag keine NEU-Erfindung sein, aber den Status als Religion kann man dieser Glaubensrichtung dadurch nicht absprechen. JEDER Glaube ist eine Entwicklung. Wenn überhaupt könnte man dem Christentum anlasten, dass eben diese Evolution, dieser Lernprozess, die Integration anderer Gedanken zumindest im katholischen Zweig zum Erliegen gekommen ist. Eifersüchtig und trotzig versucht sich Rom gegen gesellschaftliche Entwicklungen zu stellen, die zumindest teilweise von den abgespaltenen Protestanten erkannt und integriert wurden. Einen wirklichen Fortschritt könnte man wohl nur erwarten, wenn der Papst konvertieren würde. Da Hardcore-Christen jedoch ihre Identität verlieren würden, wenn sie Denk- und Handlungsfehler offen eingestehen würden, ist mit einem derartigen Schritt der katholischen Führungsrige wohl nicht zu rechnen.
Bei allen Diskussionen rund um Glaubenthemen gilt es daher, den Blick eher auf den "normalen" Bürger und seine politischen Vertreter zu richten. Es erscheint hierbei nicht hilfreich, mit dem Finger nur auf "Denkfehler" oder "geschichtliches Unrecht" zu zeigen. Was erreicht man mit einer ständigen Fehlersuche? Die Kirche hält trotzig umso stärker zusammen, da sie reflexartig eine Abwehrreaktion zeigt. Die Aufmerksamkeit Unentschlossener wird von konstruktiven Überlegungen auf destruktives Jammern gelenkt.
Wen interessieren denn die Denkfehler anderer? Im Grunde haben diese doch nur dann eine Bedeutung, wenn man versucht, mir diese Denkfehler direkt oder indirekt aufzudrängen. Im Grunde lernt jedoch jedes Kind bereits in der Schule, dass es NICHT darum geht, zu lernen, wie etwas NICHT geht. Schüler wollen Lösungswege finden. Sie wollen lernen, WIE etwas (besser) geht. Sie wollen Denkanregungen und Alternativen.
Wer daher ständig NUR nach Fehlern in Religionsgemeinschaften sucht, verliert den Blick auf das Wesentliche, auf BESSERE ALTERNATIVEN. Man mag den historisch begründbaren Einfluss der Kirchen in der heutigen Gesellschaft kritisieren, ändern wird sich hieran jedoch nur dann etwas, wenn den Menschen eine BESSERE ALTERNATIVE aufgezeigt wird. Und diesbezüglich genügt es nicht, angeblich "bessere" Weltbilder als Schlagwort anzubieten. Der einzelne Mensch muss in seinem Alltagsleben TATSÄCHLICH einen Nutzen aus der angebotenen Alternative ziehen können. Dies kann mit einer Zufriedenheit in der Erkenntnis beginnen, dass andere Sichtweisen zu einem schlüssigeren Gesamtbild mit weniger unauflöslichen Widersprüchen führen. "Heureka, ich hab's gefunden!"
Es müssen jedoch im Alltagsleben auch entsprechende Alternativangebote folgen. Wer z.B. an staatlich neutralen Sport- und Freizeitangeboten für die Jugend spart, braucht sich nicht zu wundern, wenn die unterschiedlichsten Gruppen dieses Vakuum für sich zu nutzen versuchen. Das können religiöse Angebote, aber auch politisch (extreme) Richtungen sein. Wenn der religionsneutrale, "humanistische" Mensch nur egoistisch auf seine Belange achtet, überläßt er den sozialen, humanitären Bereich des sozialen Zusammenlebens genau den Gruppen, die er verbal bekämpft. Wenn es kein weltoffenes Altenheim vor Ort gibt, bleibt als Alternative eben nur das kirchlich getragene Angebot.
Wer sich somit als Religionskritiker versteht und WIRKLICH etwas bewirken will, muss ALTERNATIVEN anbieten. Dies kann mit Denkanregungen beginnen, aber es darf nicht dabei bleiben. Wer den Einfluss der Kirchen in der Gesellschaft zurückdrängen will, muss "humanistische" Alternativen ins Leben rufen und fördern. Wir brauchen unabhängige Angebote an die Jugend, wir brauchen Organisationen und Einrichtungen, in denen Menschen zusammenkommen können, ohne religiös indoktriniert zu werden. Wir brauchen ALTERNATIVEN, die reizvoller sind.
Vielleicht mag dies als Anregung dienen, dass "Religionskritiker" an dieser Stelle nicht nur ausführen, was ihnen an Religion und Kirche NICHT gefällt, sondern auch dazu, KONSTRUKTIVE Vorschläge zu machen, wie MODERNE und PLURALISTISCHE Angebote in der Gesellschaft entstehen können. Vielleicht würde es manchen Leser anregen, sich einzubringen, wenn über ERFOLGREICHE "nichtkirchliche" Aktionen und Gruppen berichtet würde.
Also, Kirchen mögen im Gestern verharren, aber wo ist die VISION für das MORGEN?