@TWMueller
Es ist schade, dass Sie Religion ausschließlich verbinden mit Begriffen wie "Alleinstellungs-Anspruch", "Denk-Vorgaben", "Denk-Verbote" und Bevormundung.
Vielleicht habe ich mich etwas missverständlich ausgedrückt. ICH verbinde mit "Religion" den ORGANISIERTEN GLAUBEN in einer KIRCHE.
In dem Moment, wenn Meinungen und Glauben organisiert und zu einer GEMEINSAMEN Haltung gebracht werden, muss die individuelle Freiheit immer zurücktreten. Jede Religion in Form einer organisierten Kirche hat ihre GLAUBENS-LEHRE entwickelt. Im Detail mag manches hierbei diskutabel sein, das Wesentliche darf jedoch nicht verändert werden, da ansonsten die "Kirche" ihre Grundlage verlieren würde.
Ist die Entscheidung zum Glauben vernünftig? Die Suche nach einer Antwort hierauf steht nicht isoliert, sondern in Verbindung mit der Frage: Was ist der Mensch?
ICH habe so meine Probleme mit ORGANISIERTEN MEINUNGEN. Dies bedeutet jedoch nicht, dass ich das Recht auf und sogar den Sinn von "Glauben" in Frage stellen will. Im Gegenteil, es sind gerade die Fragen nach dem Sinn oder die Abwägung von Werten, die am interessantesten und fruchtbarsten sind.
Es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde, von denen wir noch nicht einmal eine Ahnung haben. Nicht beleg- oder beweisbare Antworten auf offene Frage kann man sowohl als "These" im wissenschaftlichen Sprachgebrauch, aber wohl ebenso als "Glaube" bezeichen. In diesem Sinn hat JEDER einen Glauben. Allein, er muss nicht unbedingt mit dem Standard-Glauben einer organisierten Kirche übereinstimmen.
Selbst die Feststellung "Die Würde des Menschen ist unantastbar" dürfte angezweifelt und hinterfragt werden.
Aber selbstverständlich! Nur wenn derartige BASIS-WERTE einer jederzeitigen Überprüfung standhalten, können sie als belastbare Grundlage eines Rechtssystems herangezogen werden. Ansonsten bliebe die Aussage eine willkürliche Formulierung derjenigen, die den Text des Grundgesetzes entwickelt haben.
Erst wenn man sich selbst fragt, was man denn unter "Würde" genau versteht, beginnt der Satz Substanz zu gewinnen. Man darf sogar ganz egoistisch fragen: "Wann hätte ICH das Gefühl, dass MEINE Würde verletzt wird?" oder "Was darf man mit Menschen NICHT tun, wenn man diese ebenso als Mensch anerkennt, wie ICH von anderen betrachtet werden will?"
Wenn man sich mit diesen Fragen etwas ernsthafter beschäftigt, gelangt man schnell zu der Erkenntnis, dass es schwierig ist, eine exakte Liste mit Ge- und Verboten für alle Lebenbenssituationen zu formulieren. Man hat zwar zahlreiche Beispiele im Kopf, aber es fehlt der verbindende Oberbegriff. Nun, die Väter des Grundgesetzes haben es "Würde" genannt. Dieser juristisch "unbestimmte Rechtsbegriff" drückt zwar einerseits hinreichend aus, WAS geschützt werden soll, läßt zugleich aber Raum, die Vielfalt des Lebens zeitgemäß daran zu messen.
Vielleicht schaffen es die Deutschen im Sinne des Artikel 146 GG ja irgendwann doch noch, sich selbstbestimmt eine ECHTE VERFASSUNG zu geben. Vielleicht ist in dieser der zitierte Satz so gar nicht mehr enthalten. Aber der WERT, der hierdurch ausgedrückt werden soll, wird in einer FREIHEITLICHEN DEMOKRATIE gleichermaßen festgeschrieben sein. Die Worte mögen wechseln, die im BREITEN KONSENS gefundenen WERTE werden erhalten, vielleicht sogar präzisiert und erweitert Bestand haben.
In diesem Sinne darf ALLES in Frage gestellt werden. Was RICHTIG und GERECHT ist, wird immer RICHTIG und GERECHT bleiben. Wahrheit braucht eben Überprüfung nicht zu fürchten.
P.S.
Als kleine Anregung zum Nachdenken. Ich behaupte:
"Den Wert eines WERTES erkennt man erst, wenn man ihn in Frage stellt."